Tay-Sachs und Sandhoff

Tay-Sachs und Morbus Sandhoff sind sehr komplizierte Krankheiten. Sie gehören zu den lysosomalen Speicherkrankheiten. Im folgenden haben wir einige Erklärungen und Symptome zusammengefasst. Bei Fragen können Sie sich gerne an uns wenden.

Durch einen Defekt des HEXA-Gens (Tay-Sachs) oder des HEXB-Gens (Sandhoff) werden die Enzyme Hexosaminidase A und bei Sandhoff auch B nicht codiert. Dies führt zur Ablagerung der GM2-Gangliosiden vor allem in den Nervenzellen. Die Zellen schwellen an, was zu Fehlfunktionen führt, und sterben letztlich ab. Tay-Sachs und Sandhoff werden hier gemeinsam beschrieben. Denn Verläufe, Diagnostik, Therapien und Symptome sind identisch. Die betroffenen Enzyme sind vor allem in den Nervenzellen des Kleinhirns  vertreten. Deshalb führt die Erkrankung fast immer zu motorischen Ausfällen. Dies erschwert auch die Behandlung, weil jede Therapie oder jedes Medikament die Blut-Hirn-Schranke überwinden muss.

Verlauf der Erkrankung:

Generell werden drei Verläufe unterschieden: Beim infantilen Verlauf fehlen das oder die Enzyme komplett. Bei den juvenilen und adulten Verläufen gibt es unterschiedlich starke Restaktivitäten.

Infantile Form: Leider die häufigste Verlaufsform. Durch den Gendefekt fehlen das oder die HEX-A und -B-Enzyme in der Regel ganz oder es gibt nur eine zu vernachlässigende Restaktivität. Die Kinder entwickeln sich in den ersten Monaten ihres Lebens normal, allerdings beginnt der destruktive Prozess bereits in der Schwangerschaft, er ist nur nicht klinisch nachweisbar. Um den sechsten Lebensmonat herum bricht die Krankheit aus. Die Kinder verlernen alle bereits erworbenen motorischen Meilensteine, bekommen epileptische Anfälle. Zunächst sind es meistens so genannte Schreckanfälle. Im weiteren Verlauf erblinden viele Kinder, verlieren ihr Gehör und bekommen Schluckprobleme. Die meisten Kinder sterben im Alter von fünf Jahren.

Juvenile Form: Die betroffenen Patienten haben eine Restaktivität des oder der betroffenen Enzyme. Die Höhe dieser Aktivität kann ungefähr bestimmt werden. Je höher sie ist, desto milder der Verlauf der Krankheit. In der Regel treten erste Symptome zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr auf. Dabei gilt, je später die Krankheit ausbricht, desto milder verläuft sie. Betroffene entwickeln immer eine Ataxie (mangelnde Koordination und eingeschränkter Gleichgewichtssinn) Dysathrie (verwaschene Sprache), Muskelhypotonie (Muskelschwäche). Es kann zu Muskelkrämpfen kommen, der Gang wird unsicher. Die meisten aber nicht alle Patienten entwickeln eine Epilepsie. Am Anfang sind es vor allem so genannte Schreck- oder Sturzanfälle. Die geistigen Fähigkeiten, das Seh- und Hörvermögen können intakt bleiben, wenn die Krankheit nicht vor dem fünften Lebensjahr ausbricht.

Adulte Form: Medizinisch auch Late-Onset Tay-Sachs oder Sandhoff genannt. In der Regel treten in der späten Jugend oder in den 20er Jahren die ersten Symptome auf. Häufigste Symptome sind Ataxie, Muskelschwäche, Zittern. Vor allem Treppensteigen fällt Betroffenen zunehmend schwerer. Meistens in der Nacht kann es zu Muskelzuckungen, bevorzugt in den Beinen, kommen. Bei manchen verändert sich die Aussprache, aber es entwickelt sich keine Epilepsie. Zirka 30 Prozent der Patienten bekommen psychische Probleme bis hin zur Depression. Kein Patient muss alle Symptome bekommen, die Verläufe sind sehr unterschiedlich, lediglich die Muskelschwäche ist in unterschiedlicher Ausprägung allen gemeinsam.

 

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Professor Timothy Cox von der Universität Cambridge (GB) und sein Team forschen zu Tay-Sachs und Sandhoff.

 

 

 

Heilungschancen:

Tay-Sachs und Sandhoff sind nicht heilbar. Bestehende Restaktivitäten können durch Medikamente unterstützt werden. Die bei anderen lysosomalen Speicherkrankheiten angewandte Enzym-Ersatz-Therapie ist wegen der Blut-Hirn-Schranke nicht möglich. Symptome wie die Epilepsie und Ataxie können gelindert werden. In den USA und Großbritannien gibt es Forschungen zu einer Gentherapie. Auch an neuen Medikamenten wird gearbeitet. Vor allem bei Kindern ist die Stabilisierung des Immunsystems sehr wichtig. Patienten haben eine erhöhte Infektanfälligkeit und Infekte verlaufen viel schwerwiegender. Die häufigste Todesursache bei weit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf in der infantilen und juvenilen Form ist eine Lungenentzündung.

Diagnose:

Die fehlende oder mangelnde Enzymtätigkeit kann durch Bluttest oder Biopsie diagnostiziert werden. Hinweis kann auch ein kirschroter Fleck auf der Augenmakula sein. Bei infantilen und juvenilen Verläufen kommt es meist zu fokalen Epilepsieanfällen. Die Kinder fallen plötzlich ohne erkennbaren Grund hin. Die Stürze werden durch einen Schreck ausgelöst. Auffällig sind auch die langen Wimpern. Aber auch Entwicklungsverzögerungen und Muskelschwäche können erste Anzeichen sein.

Häufigkeit:

Einer von 300 Menschen ist Träger einer Mutation, die Tay-Sachs oder Sandhoff auslösen kann. Die Angaben zur Häufigkeit sind extrem unterschiedlich. Sie liegt irgendwo zwischen 1:150 000 und 1:250 000 jeweils für Tay-Sachs und Sandhoff. 80 Prozent der bekannten Fälle sind infantile Verläufe. Doch sind diese Zahlen sehr vorsichtig zu interpretieren. Denn gerade die adulten Verlaufsformen werden oft nicht oder erst sehr spät diagnostiziert. Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland jedes Jahr vier bis neun Kinder mit einer infantilen oder juvenilen Verlaufsform geboren werden.

Diese Beschreibung haben wir nach bestem Wissen und Gewissen aus uns vorliegenden Berichten und medizinischen Beschreibungen zusammengestellt. Wir freuen uns über Hinweise und Ergänzungen!

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