Unter dem Titel „Spätmanifestation des Morbus Tay-Sachs – eine Erkrankung des Kleinhirns und der Motoneuronen mit psychiatrischen Folgen“ haben Eugen Mengel, Grecia Mendoza, Latha Mani, Jürgen Deckert und Laila Arash-Kaps die Ergebnisse unserer Adulten in der 8-in-1-Studie und erste Ergebnisse der PRADO-Studie in der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ veröffentlicht.
Der Artikel beschäftigt sich mit der Spätmanifestation des Morbus Tay-Sachs (Late-Onset Tay-Sachs, LOTS). Diese seltene Erkrankung kann im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter auftreten. Sie betrifft vor allem das Kleinhirn und die Bewegungssteuerung, kann aber auch mit psychiatrischen Beschwerden einhergehen.
Bisher gibt es nur wenige Daten darüber, wie sich LOTS bei Erwachsenen entwickelt und welche neurologischen und psychiatrischen Beschwerden dabei auftreten. Für Deutschland lagen hierzu bislang keine entsprechenden Untersuchungen vor.
Für die Studie wurden die Daten von 16 erwachsenen Menschen mit LOTS aus dem „8-in-1“-Register ausgewertet. Die Teilnehmer waren zwischen 22 und 63 Jahre alt. Zwischen den ersten Krankheitszeichen und der richtigen Diagnose lagen durchschnittlich 13,5 Jahre – bei manchen sogar bis zu 30 Jahre.
Wie beginnt die Erkrankung?
Die ersten Beschwerden waren sehr unterschiedlich. Bei drei Betroffenen zeigten sich bereits im Vorschulalter Auffälligkeiten in der Entwicklung. Sieben entwickelten im Schul- oder Jugendalter Beschwerden, die auf eine Störung des Kleinhirns hindeuteten. Bei sechs weiteren begann die Erkrankung mit zunehmender Schwäche und Abbau von Muskeln.
Typische neurologische Beschwerden sind beispielsweise:
- Ataxie, also eine Störung der Bewegungskoordination und des Gleichgewichts
- Dysarthrie, also eine verwaschene oder schwer verständliche Sprache
- zunehmende Muskelschwäche, häufig zunächst stärker an den Beinen
- Muskelabbau (Muskelatrophie)
Gerade weil die Beschwerden bei den einzelnen Menschen sehr unterschiedlich beginnen und sich langsam entwickeln können, ist LOTS schwer zu erkennen.
Auch psychiatrische Beschwerden können auftreten
Keiner der 16 untersuchten Patienten hatte eine psychiatrische Erkrankung als allererstes Krankheitszeichen. Bei 8 von 16 Patienten – also bei der Hälfte – traten jedoch relevante psychiatrische Symptome auf, bevor die Diagnose LOTS gestellt wurde.
In der deutschen Untersuchung wurde damit eine vergleichsweise hohe Häufigkeit psychiatrischer Erkrankungen von 62,5 Prozent festgestellt. In vergleichbaren Untersuchungen aus Tschechien und Frankreich lagen die Werte bei etwa 43 beziehungsweise 40 Prozent.
Das ist besonders wichtig, weil psychiatrische Beschwerden bei LOTS offenbar dazu beitragen können, dass die eigentliche Ursache zunächst nicht erkannt wird.
Warum wird LOTS so spät diagnostiziert?
Die lange Zeit bis zur Diagnose – im Durchschnitt 13,5 Jahre – lässt sich wahrscheinlich durch mehrere Faktoren erklären. Die Erkrankung beginnt häufig schleichend, kann sehr unterschiedlich verlaufen und erinnert zu Beginn teilweise an andere Erkrankungen.
Bei Kindern können zunächst Entwicklungsauffälligkeiten im Vordergrund stehen. Bei Jugendlichen können Beschwerden des Kleinhirns auftreten. Bei Erwachsenen kann dagegen eine zunehmende Muskelschwäche auffallen. Zusätzlich können psychiatrische Symptome dazu führen, dass zunächst ausschließlich an eine psychiatrische Erkrankung gedacht wird.
Deshalb sollte LOTS bei bestimmten Kombinationen aus psychiatrischen und neurologischen Beschwerden als mögliche Differentialdiagnose berücksichtigt werden.
Worauf sollten Ärzte achten?
Für Psychiater und Neuropsychiater können bestimmte Hinweise aus der Krankheitsgeschichte besonders wichtig sein. Dazu gehören beispielsweise:
- Entwicklungsauffälligkeiten bereits im Vorschulalter
- Probleme mit Koordination und Gleichgewicht im Schul- oder Jugendalter
- Auffälligkeiten in Denken, Gefühlen und Verhalten im Zusammenhang mit einer Kleinhirnerkrankung
- eine zunehmende Ataxie oder Sprachstörung
- eine vor allem die Beine betreffende Muskelschwäche
- fortschreitender Muskelabbau
Eine besondere Rolle spielt dabei das sogenannte cerebelläre kognitive-affektive Syndrom (CCAS). Dabei können Erkrankungen des Kleinhirns nicht nur Bewegungen beeinflussen, sondern auch Denken, Sprache, Gefühle und Verhalten.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Ergebnisse zeigen, dass Morbus Tay-Sachs in seiner spät auftretenden Form ein sehr unterschiedliches Krankheitsbild verursachen kann. Neurologische und psychiatrische Beschwerden können gemeinsam auftreten und sich gegenseitig überlagern.
Ein besseres Bewusstsein für diese seltene Erkrankung kann deshalb dazu beitragen, dass Betroffene früher die richtige Diagnose erhalten. Besonders bei ungewöhnlichen Kombinationen aus psychiatrischen Beschwerden, Entwicklungsauffälligkeiten, Ataxie, Sprachstörungen oder Muskelschwäche sollte LOTS zumindest in Betracht gezogen werden.
Der vollständige Artikel ist online in „Der Nervenarzt“, Ausgabe 4/2026, kostenfrei verfügbar: https://www.springermedizin.de/der-nervenarzt-4-2026/52870962 Der Nervenarzt
| Update 8-in-1- und PRADO-Studie
Unsere Selbsthilfegruppe hat gemeinsam mit der SphinCS im Jahr 2020 die Register- und natürliche Verlaufsstudie „Acht-in-Eins“ für Tay-Sachs, Sandhoff und GM1 initiiert und diese 2024/2025 mit Hilfe von Prof. Jürgen Deckert um die PRADO-Studie (Projekt Adult Onset) erweitert. Der aktuelle Stand zur Konferenz 2026: Acht-in-Eins-Studie: 82 Teilnehmer (vier weitere haben Interesse) PRADO: 21 Teilnehmer 2025, plus drei neue in 2026 1. Jahresevaluierung von Prof. Deckert erfolgte 2025 und neue Testungen für 2026 wurden anhand der Ergebnisse ausgewählt. Prof. Deckert und Dr. Hannah Arnold untersuchten, analysierten und bewerteten 2026 gemeinsam die Erstdiagnosen. 17 Teilnehmer haben 2026 bereits die neuen Interviews des 2. PRADO-Jahres durchgeführt, drei weitere Termine sind noch für dieses Jahr geplant. Weitere Pläne: 2027: Ein Review der Medikationspläne von Prof. Deckert und Dr. Arnold mit möglichen Anpassungsvorschlägen anhand der aktualisierten Informationen ist geplant. Erfolge: Alle Teilnehmer sind an den Studien weiter sehr interessiert. Aus dem 8-in-1-Register konnten wir acht geeignete Patientinnen und Patienten für die Azafaros-Studie (Nizubaglustat) filtern, von denen alle acht in die Studie eingeschlossen wurden. Damit ist Deutschland nach den USA und Indien in dieser weltweiten Studie das Land mit den meisten Studienteilnehmern. |
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